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Kurzbeschreibung Inhaltsverzeichnis Leseprobe
Der Liebeswahn
Hardcover, 249 Seiten
ISBN 978-3-86882-017-1
Die Liebe, von der wir alle träumen,
ist ein Phantombild. Was sie angeblich auszeichnet, existiert so nicht.
Wir haben vielmehr ein Bild von der Liebe im Kopf, wie sie zu sein hat.
Es wurde uns von kleinauf eingetrichtert und hat mit sexuellen
Moralvorstellungen und Werten zu tun, auf die unsere Gesellschaft
aufgebaut ist. Sieht man der Liebe hingegen in ihr wahres Gesicht, ist
es vielleicht leichter, sich mit weniger zu begnügen, nämlich mit dem,
was machbar ist. Dem Glück steht damit weniger im Wege.
Einleitung
Nur die Liebe zählt
Kapitel 1
Evolution und Co.: Vorstufe der Liebe
Kapitel 2
Männer und Frauen: Andere Anlagen,
andere Liebesvoraussetzungen
Kapitel 3
Gene oder anerzogen? Befähigung zum Liebesglauben
Kapitel 4
Balz: Keine Werte, keine Verbundenheit
Kapitel 5
Partnerwahl: Schlüsselreize der Liebe
Kapitel 6
Sexualität: Zündschnur der Liebe
Kapitel 7
Selbstlosigkeit: Beweis der Liebesfähigkeit
Kapitel 8
Eifersucht: Indiz für Bindung und Gefühl
Kapitel 9
Romantische Liebe: Wunsch und Wirklichkeit
Kapitel 10
Liebeskummer: Wahn ohne Gleichen
Kapitel 11
Heirat: Arrangierte Zweisamkeit
Kapitel 12
Polygamie: Wer liebt, der liebt nur eine
Kapitel 13
Promiskuität I: Fremdgehende Männer
Kapitel 14
Promiskuität II: Untreue Frauen
Kapitel 15
Monogamie: Bis dass der Tod uns scheidet …
Kapitel 16
Gesellschaft: Paragrafen der Liebe
Was von der Liebe bleibt
Epilog
Auszug aus der Einleitung
Was beseelt mehr,
an die Liebe zu glauben
oder sie in den Wind zu schreiben?
Es gibt keine schmeichelhaftere Umschreibung für Sex als Liebe.
Wer sich verliebt, will Sex. Um Sex zu bekommen, sagen
Verliebte: »Ich liebe dich!« Sagt man es nicht und bekommt
trotzdem Sex, was es durchaus gibt, ist es eine alte Liebe oder
keine Liebe. Letzteres ist vielleicht käufliche Liebe. Verliebtheit
gibt es selbstverständlich auch ohne Sex. Kinder können sich
verlieben, auch alte Männer, die den sexuellen Akt nicht mehr
ausführen können. Erstere bereiten sich auf richtigen Sex vor,
zweitere haben ihre sexuelle Vergangenheit und ihre Gefühle
im Kopf abgespeichert. Sie schöpfen aus dem, was war, und
kennen ihre Grenzen. Aber wäre ihnen ein Wunsch vergönnt,
wie würde der aussehen?
Ehepaare, die 50 Jahre und mehr verheiratet sind, sind rar,
doch es gibt sie. Womit hat dieses halbe Jahrhundert Zweisamkeit
begonnen? Mit Sex und Liebesbeteuerungen. Womit endete
es – mit Liebe? Nein, mit Gewöhnung, mit lieb gewordenen
Alltagsritualen. Wo einst die sexuelle Glut Oberhand hatte,
waltet jetzt Vertrautheit. Aber was nach dem Sex kommt, wird
ebenfalls Liebe genannt. Wer heiratet, der liebt. Wo lange Bindungen
bestehen, herrscht Liebe. Lebenslange Trauer um einen
Partner oder Geliebten zeugt von einem liebenden Herzen.
Ebenso, wenn die Unerreichbare ein Leben lang begehrt wird.
Wer sich aus Liebe tötet, ja, der liebt wahrhaftig.
Diese Liebesvorstellungen lassen sich nicht ausrotten, jeden Tag
wird von ihnen berichtet. Ein 97-Jähriger heiratet seine Jugendliebe
nach fast 80 Jahren. In jungen Jahren wurde Mohammed
Eid die Heirat untersagt und seine Liebste musste den Sohn ihres
Onkels heiraten. In Saudi Arabien nichts Ungewöhnliches.
Doch jetzt ist niemand mehr da, der die Ehe hätte verhindern
können. Er war nach zwei Ehen erneut Witwer geworden und
sie (90) war nach sechs Ehen ebenfalls solo. Gott sei Dank gab
es ihrerseits keine männlichen Angehörigen mehr. Die nämlich
hätten ein unbedingtes Mitspracherecht gehabt.
Die Jugendliebe der zwei endete in einem Happy End. Eine
schöne Liebesgeschichte, fürwahr. Was aber wäre aus der Jugendliebe
geworden, hätten sie schon damals geheiratet? Von
der Geliebten ließen sich viele ihrer Ehemänner scheiden,
wahrscheinlich weil sie kinderlos blieb. Was hätte Mohammed
Eid getan, der jetzt 42 Kinder und Enkelkinder zur Hochzeitsfeier
einladen konnte? Die traurige Wahrheit lautet: Wäre ihr
Glück schon damals, im Jugendalter, mit Eheringen besiegelt
worden, die große Liebe der beiden hätte höchstwahrscheinlich
im Alltag ihr jähes Ende gefunden.
Ein anderes Land, ein anderes Paar, eine andere Liebe. Es feierte
im Jahre 2005 seinen 80. Hochzeitstag. Keine Frage, das
muss Liebe sein. Der bis dahin völlig unbekannte Engländer
Percy Arrowsmith offenbart das Geheimnis seines lebenslangen
Glücks der Öffentlichkeit. Ein Journalist notiert fleißig den Liebescode
für den Depeschendienst. Er besteht aus nur zwei Worten
und erstickt jeden Konflikt mit Ehefrau Florence schon im
Keim. Er lautet: »Yes, Darling!«
Was Percy Arrowsmith so selbstironisch auf den Punkt bringt und
seinen Gleichmut offenbart, trug in der Tat zum langen Eheleben
bei. Es sind eben nicht die schmachtenden Liebesblicke und es ist
eben nicht die flammende Liebe, die Menschen für lange Zeit aneinander
binden. Auf silbernen, goldenen oder gar diamantenen
Hochzeitsfeiern wird gerne von Liebe gesprochen, weil pragmatisches,
wie: »Yes, Darling!«, keinen Zauber in sich birgt.
Auszug aus Kapitel: Polygamie
In den Mooren Nordostenglands leben Birkhühner und Schottische
Moorschneehühner. Ihr Lebensraum ist nahezu identisch.
Sie sind quasi ökologische Geschwister, doch was die Vielweiberei
und die Balz angeht, unterscheiden sie sich wie Äpfel
und Birnen.
Im Frühjahr kommen die Birkhühner zu einer spektakulären
Arenabalz zusammen. Die Männchen zeigen, was sie können,
und die Weibchen schauen zu. Am Ende der Vorstellung gibt es
nur einen Favoriten – manchmal auch zwei. Und nur von diesem
– oder eben den zweien – sind die Weibchen beeindruckt
und ausschließlich mit diesen paaren sich sämtliche Weibchen.
Sodann trennen sich ihre Wege, der Birkhahn-Casanova hat
sein Bestes gegeben, die Hennen ziehen von dannen und ihre
Jungen allein auf.
Anders die in der Nachbarschaft lebenden Moorschneehühner.
Sie leben monogam. Jedes Paar hat sein Revier und teilt sich die
Arbeit der Kinderaufzucht nahezu fifty-fifty.
Das Paarungssystem beider Arten ist wie Tag und Nacht, wenngleich
sie den gleichen Nahrungsvorrat sowie Lebensraum teilen
und dieselben Feinde haben. »Warum?«, fragt der britische
Zoologe und Sozialbiologe Ridley. Seine Antwort: »Wie die meisten
Biologen bevorzuge ich die Erklärung, daß sie auf eine unterschiedliche
Geschichte zurückblicken. Birkhühner sind die
Nachkommen von Waldbewohnern, und im Wald entwickelten
ihre mütterlichen Vorfahren den Brauch, Männchen weniger
nach deren Revier, sondern eher auf Arenabalzen entsprechend
ihrer genetischen Qualität auszuwählen.«
In unserer Gesellschaft ist Monogamie ebenso selbstverständlich
wie bei den Moorschneehühnern. Ein Mann, eine Frau,
heißt die Formel. Alles andere hat nichts mit Liebe zu tun und
ist sogar per Gesetz verboten. Gleichwohl, es hat immer Polygamie
(Vielehe) und besonders bei Männern Polygynie (Vielehe
bei Männern) gegeben und gibt sie noch, nur nicht bei uns. Ist
Monogamie nur eine Frage der unterschiedlichen kulturellen
Geschichte? Ja, und wäre es den Männer vergönnt, polygam zu
leben, sie würden es tun, auch in Europa, Amerika oder China.
Es sind in erster Linie die Frauen, die der Monogamie sehr zugeneigt
sind, und das hat seinen Grund.
Khekhekhe Mthethwa aus Südafrika ist 84 Jahre. Er ist sehr
rüstig, hat 14 Frauen sowie 94 Kinder. Wenn man seiner elften
Frau glauben darf, bringt er es in einer Nacht noch auf fünf
bis sechs Mal. Mithilfe von Kräutertee, wie sie versichert. Khekhekhe
Mthethwa ist reich, was immer der Brautpreis war, er
hat ihn bezahlt. Für ihn ist klar: »Früher war es ganz normal,
daß ein Mann vier oder fünf Frauen hatte. Heute hat jeder nur
noch eine, dafür haben viele Kinder mit anderen Frauen, sehr
viele. Bei einer Frau kommst du vom Wege ab.« Der glücklich
dreinblickende Khekhekhe Mthethwa ist sich da ganz sicher
und weist alle anderen Lebensformen weit von sich.
...
In Afrika zählt vielerorts ein Mann nur etwas, wenn er reichlich
Frauen hat. Entsprechend haben in einigen westafrikanischen
Gesellschaften noch heute etwa 25 Prozent aller älteren Männer
gleichzeitig zwei oder mehr Ehefrauen. Jacob Zuma, ein gewichtiger
ANC-Mann und neuer Staatpräsident von Südafrika,
bekennt sich öffentlich und lauthals zur Vielehe. Er pflegt damit
die südafrikanische Sulu-Tradition, die da heißt: Wer etwas zu
sagen hat und es sich leisten kann, hat mehr als eine Frau.
Wie sieht es in der westlichen Kultur aus, wo Polygamie sanktioniert
wird? Für Europa liegen keine Zahlen vor, auch keine
Schätzungen. Aber für die Vereinigten Staaten. Hier soll es
25 000 bis 35 000 polygyne Ehegemeinschaften geben, überwiegend
in den im Westen gelegenen Staaten. Und noch eine
Überraschung: Als man 437 amerikanische Männer mit hohem
Einkommen einmal genau unter die Lupe nahm, stellte
sich heraus, dass einige von ihnen zwei unabhängige Familien
unterhielten. Heimlich, wie man sich denken kann. Weniger
geheimnisvoll ging es im Jahre 1991 beim amtierenden Bürgermeister
von Big Water in Utah, Alex Joseph, zu. Er hatte
neun Frauen und mit diesen 20 Kinder. Er war Mormone und
gestattete sich die Vielweiberei, wie sie einst seine Vorgänger
schon praktiziert, aber ebenso vor gut hundert Jahren offiziell
abgeschafft hatten.
In nur 16 Prozent der uns bekannten 853 Kulturen wird Monogynie
vorgeschrieben. Dazu gehören die westlichen Industriestaaten,
aber auch die bevölkerungsreichsten Länder der
Welt, China und Indien. Wobei in den hintersten Ecken von
China Völker leben, die noch ganz andere Lebensformen pflegen,
die Polyandrie. Polyandrie kommt bei 0,5 Prozent aller Gesellschaften
vor. Zumeist heiratet eine Frau mehrere Brüder,
aber dazu später.
Warum verlangt es Männer nach mehreren Frauen? Weil sie
damit ihre Macht, ihren Reichtum oder ihren Mut repräsentieren?
Gewiss, das ist ein ganz entscheidendes Motiv. Anthropologen,
Biologen und Genetiker gehen jedoch weiter in die Tiefe,
wenn sie diese Frage beantworten, und kommen so schließlich
zu einer simplen Antwort: Polygamie bringt dem Mann gewaltige
genetische Vorteile.
Auszug aus dem Schluß
Die einmalige Liebe war nie eine Selbstverständlichkeit und ist
es auch heute nicht. Liebe erscheint vielmehr wie ein Experiment
auf Zeit. Meistens klappt es nicht beim ersten Mal. Es wird
eine weitere Beziehung eingegangen. Sie oder er war nicht der
Richtige. Doch auch beim zweiten, dritten oder vierten Mal fallen
die Verschwörungsworte: »Ich liebe dich!« Manch einer bekennt:
»Ich kann ohne dich nicht leben!«, lebt jedoch in der folgenden
Beziehung oder Ehe munter weiter. Dass infolge einer
Aneinanderreihung von Lieben die letzte Liebe zur richtigen
Liebe wird, ist sehr wahrscheinlich, weil wahrscheinlich ein weiteres
Mal gar nicht infrage kommt.
In anderen Teilen der Welt wird offenbar anders geliebt, weshalb
Forscher und Reisende nach unserer Art der Liebe und
Ehe befragt wurden. Wie sie sich ferne Völker über unsere Liebesvorstellungen
wundern, wundern wir uns über Frauen mit
mehreren legitimen Liebhabern, Männer, die sich nie und nimmer
mit nur einer Ehefrau begnügen würden oder Zwangsverheiratete,
die mit ihrem Gatten glücklich sind. Noch verwunderter
sind wir, wenn das, was wir Liebe zwischen Mann und
Frau nennen, bei anderen Menschen nicht vorhanden ist. Dem
Anthropologen Napoleon Chagnon erging es ebenso. 27 Jahre
hatte er die Yanomamö studiert, ihre Sprache erlernt, Sitten
und Gebräuche kennengelernt. Eines Tages meinte er, einen
vergleichbaren Begriff für die Liebe entdeckt zu haben. Glücklich,
das passendes Wort gefunden zu haben, befragte Chagnon
einige Mitglieder der Sippe, bei denen er gerade zu Gast war:
»Liebst du deine Schwester?« – »Ja!« – »Liebst du dein Kind?« –
»Ja!« – »Liebst du deine Frau?« Verblüffendes Schweigen, schallendes
Gelächter, und schließlich die Antwort: »Man liebt seine
Frau nicht, du Dummkopf!«